Wenn man einmal Schwangerschaftsdiabetes hatte, kommt diese Frage spätestens bei der nächsten Schwangerschaft ziemlich schnell auf:
Kann ich diesmal irgendetwas tun, damit ich ihn nicht wieder bekomme?
Und auch nach einer ersten Diagnose passiert schnell etwas anderes: Man geht im Kopf die vergangenen Wochen durch.
Habe ich zu viel Süßes gegessen?
Hätte ich mehr Sport machen sollen?
War meine Ernährung nicht gut genug?
Hätte ich das verhindern können?
Ich kenne diese Gedanken selbst. Schließlich hatte ich Schwangerschaftsdiabetes nicht nur einmal, sondern zweimal. Aber die Antwort auf die Frage „Kann man Schwangerschaftsdiabetes vermeiden?“ ist leider – oder vielleicht auch beruhigenderweise – nicht einfach Ja oder Nein.
Es gibt Faktoren, mit denen sich das Risiko beeinflussen lässt. Eine Garantie, Schwangerschaftsdiabetes zu verhindern, gibt es aber nicht.
Und ganz wichtig: Eine Diagnose bedeutet nicht automatisch, dass du vorher etwas falsch gemacht hast.
Wichtig: Ich bin keine Ärztin und keine Ernährungsberaterin. Ich teile hier meine persönlichen Erfahrungen und bereite allgemeine medizinische Informationen aus seriösen Quellen verständlich auf. Wenn du ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftsdiabetes hast, besprich individuelle Empfehlungen bitte mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Diabetesberatung.
Warum entsteht Schwangerschaftsdiabetes überhaupt?
Um zu verstehen, warum man Schwangerschaftsdiabetes nicht einfach „wegessen“ oder „wegtrainieren“ kann, hilft ein kurzer Blick darauf, was während der Schwangerschaft im Körper passiert.
Unter dem Einfluss der Schwangerschaftshormone reagieren die Körperzellen im Laufe der Schwangerschaft weniger empfindlich auf Insulin. Insulin hat unter anderem die Aufgabe, Glukose aus dem Blut in die Körperzellen zu bringen. In der Schwangerschaft muss der Körper deshalb mehr Insulin bereitstellen. Bei vielen Frauen funktioniert das problemlos. Bei manchen reicht die zusätzliche Insulinproduktion irgendwann jedoch nicht mehr aus, um den Blutzucker im gewünschten Bereich zu halten. Dann können die Werte steigen und es kann Schwangerschaftsdiabetes entstehen. Auch deshalb kann grundsätzlich jede Schwangere erhöhte Blutzuckerwerte entwickeln.
Das heißt:
Schwangerschaftsdiabetes entsteht nicht einfach deshalb, weil jemand zu viel Zucker gegessen hat.
Kann man Schwangerschaftsdiabetes also verhindern?
Die ehrlichste Antwort lautet:
Manchmal lässt sich das Risiko senken – vollständig verhindern lässt sich Schwangerschaftsdiabetes aber nicht.
Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung und eine angepasste Ernährung das Risiko insbesondere bei Frauen mit Übergewicht oder Adipositas verringern können. Eine Kombination aus Ernährungsumstellung und Bewegung kann ebenfalls vorbeugend wirken.
Das ist aber etwas anderes als:
„Wenn ich mich gesund genug ernähre, bekomme ich keinen Schwangerschaftsdiabetes.“
Denn dafür gibt es keine Garantie.
Selbst eine Frau, die sich ausgewogen ernährt, regelmäßig bewegt und vor der Schwangerschaft normalgewichtig war, kann Schwangerschaftsdiabetes entwickeln. Der Stoffwechsel während einer Schwangerschaft lässt sich eben nicht vollständig kontrollieren.
Welche Faktoren erhöhen das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes?
Es gibt einige bekannte Risikofaktoren.
Dazu gehören beispielsweise:
- Übergewicht beziehungsweise Adipositas
- Schwangerschaftsdiabetes in einer vorherigen Schwangerschaft
- Diabetes bei nahen Verwandten
- höheres Alter der Schwangeren
Auch weitere Faktoren können eine Rolle spielen. Aber auch hier finde ich etwas wichtig:
Risikofaktor bedeutet nicht Ursache.
Du kannst mehrere Risikofaktoren haben und trotzdem keinen Schwangerschaftsdiabetes entwickeln. Und du kannst keine offensichtlichen Risikofaktoren haben und trotzdem die Diagnose bekommen.
Schwangerschaftsdiabetes in der ersten Schwangerschaft – kommt er beim zweiten Mal wieder?
Leider ist das Risiko tatsächlich erhöht. Wer bereits Schwangerschaftsdiabetes hatte, hat in einer späteren Schwangerschaft eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, erneut daran zu erkranken. Die aktuelle DDG-Praxisempfehlung nennt für Frauen kaukasischer Herkunft ein Wiederholungsrisiko von ungefähr 35 bis 50 Prozent. Das ist natürlich erstmal keine Zahl, die man besonders gern liest.
Aber:
35 bis 50 Prozent sind eben auch keine 100 Prozent.
Eine erneute Diagnose ist also keineswegs zwangsläufig. Bei mir persönlich kam der Schwangerschaftsdiabetes tatsächlich auch in der zweiten Schwangerschaft wieder. Und trotzdem war die zweite Schwangerschaft nicht einfach eine Kopie der ersten. Meine Werte reagierten teilweise anders und auch die Behandlung war unterschiedlich. Genau das zeigt für mich noch einmal, wie individuell Schwangerschaftsdiabetes sein kann.
Was kann ich tun, um mein Risiko zu senken?
Auch wenn es keine Garantie gibt, bedeutet das nicht, dass Lebensstil völlig egal ist.
Ein paar Dinge können sinnvoll sein.
1. Regelmäßig bewegen
Regelmäßige Bewegung kann das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes senken, insbesondere bei Frauen mit erhöhtem Risiko beziehungsweise Adipositas. Auch während der Schwangerschaft kann geeignete körperliche Aktivität sinnvoll sein, sofern medizinisch nichts dagegenspricht.
Das muss übrigens nicht bedeuten, dass du plötzlich jeden Tag ins Fitnessstudio musst.
Je nach Schwangerschaft können beispielsweise schon Dinge wie
- Spaziergänge
- Walking
- Schwimmen
- Radfahren
- geeignete Schwangerschaftsgymnastik
Möglichkeiten sein.
Welche Bewegung für dich geeignet ist, solltest du insbesondere bei Beschwerden oder Risikoschwangerschaften mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt abstimmen.
2. Ausgewogen essen – aber bitte nicht auf Diät
Auch eine angepasste Ernährung kann das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes bei manchen Frauen reduzieren.
Besonders Hinweise gibt es dafür bei Frauen mit Übergewicht oder Adipositas. Bei normalgewichtigen Frauen zeigte eine gezielte Ernährungsumstellung in den ausgewerteten Studien dagegen keinen eindeutigen vorbeugenden Effekt. Das finde ich persönlich einen sehr wichtigen Punkt. Denn daraus folgt eben nicht:
„Wenn ich nur perfekt esse, kann ich Schwangerschaftsdiabetes verhindern.“
Eine ausgewogene Ernährung in der Schwangerschaft ist natürlich trotzdem sinnvoll. Aber eine Schwangerschaft ist nicht der richtige Zeitpunkt für Crash-Diäten oder starke Kalorienrestriktion. Dein Körper und dein Baby brauchen ausreichend Energie und Nährstoffe. Von einer kalorienarmen Diät zur Vorbeugung von Schwangerschaftsdiabetes wird deshalb abgeraten.
3. Auf eine angemessene Gewichtszunahme achten
Eine sehr starke Gewichtszunahme während der Schwangerschaft kann mit einem höheren Risiko für verschiedene Schwangerschaftskomplikationen verbunden sein. Welche Gewichtszunahme für dich sinnvoll ist, hängt unter anderem von deinem Gewicht vor der Schwangerschaft ab. Ich würde daraus aber auf keinen Fall einen zusätzlichen Kontrollzwang machen. Wenn du unsicher bist, sprich lieber mit deiner Frauenärztin, Hebamme oder einer Ernährungsberatung darüber, statt selbst eine strenge Diät zu beginnen.
4. Bei erhöhtem Risiko frühzeitig testen
Wenn du bereits Schwangerschaftsdiabetes hattest oder andere Risikofaktoren bestehen, kann dein Behandlungsteam schon früher in der Schwangerschaft auf deinen Blutzucker schauen.
So kann eine Störung des Zuckerstoffwechsels früher erkannt werden. Die DDG empfiehlt bei erhöhtem Risiko bereits bei der ersten Vorstellung in der Schwangerschaft eine entsprechende Abklärung.
Wenn du wissen möchtest, wie der kleine und große Zuckertest funktionieren, findest du hier meinen ausführlichen Artikel:
Zuckertest in der Schwangerschaft – kleiner und großer Zuckertest einfach erklärt
Sollte ich vorsorglich Zucker komplett weglassen?
Nein.
Und das ist wahrscheinlich eines der größten Missverständnisse rund um Schwangerschaftsdiabetes. Der Name klingt zwar so, als wäre einfach „zu viel Zucker“ das Problem. Aber Schwangerschaftsdiabetes entsteht durch Veränderungen im Zuckerstoffwechsel und der Insulinwirkung während der Schwangerschaft. Deshalb bedeutet Vorbeugung nicht:
Nie wieder Kuchen, Obst oder Kohlenhydrate.
Eine ausgewogene Ernährung ist etwas völlig anderes als ein komplettes Kohlenhydrat- oder Zuckerverbot.
Muss ich schon vor der Schwangerschaft Low Carb essen?
Auch dafür gibt es keine pauschale Empfehlung. Natürlich kann es sinnvoll sein, sich schon vor einer Schwangerschaft ausgewogen zu ernähren und auf Bewegung zu achten. Aber Schwangerschaftsdiabetes lässt sich nicht dadurch garantiert verhindern, dass man vorsorglich besonders kohlenhydratarm isst. Und spätestens während der Schwangerschaft sollte eine starke Einschränkung der Ernährung nicht ohne fachliche Begleitung erfolgen.
Denn, wenn der Körper über längere Zeit sehr wenig Kohlenhydrate beziehungsweise insgesamt zu wenig Energie bekommt, beginnt er verstärkt Fett abzubauen. Dabei entstehen Ketonkörper. Schwangere geraten dabei leichter in eine Ketose als Nicht-Schwangere, besonders bei längeren Essenspausen, stark kohlenhydratreduzierter Ernährung, Erbrechen oder zu geringer Energiezufuhr.
Eine bewusst herbeigeführte ketogene Ernährung wird in der Schwangerschaft deshalb nicht empfohlen, vor allem nicht auf eigene Faust. Der Hintergrund ist weniger, dass jeder einzelne Ketonnachweis automatisch gefährlich wäre, sondern dass eine ausgeprägte oder länger anhaltende Ketose auf eine zu geringe Energie- oder Kohlenhydratzufuhr hinweisen kann. Außerdem ist die Studienlage zu möglichen Auswirkungen erhöhter Ketonkörper auf die kindliche Entwicklung nicht eindeutig genug, um eine gezielte Ketose in der Schwangerschaft als unbedenklich anzusehen.
Wichtig ist außerdem die Abgrenzung zur Ketoazidose: Das ist etwas völlig anderes als eine leichte Ernährungsketose und ein medizinischer Notfall. In der Schwangerschaft kann eine Ketoazidose unter bestimmten Umständen sogar bei niedrigeren Blutzuckerwerten auftreten als außerhalb der Schwangerschaft.
Helfen Nahrungsergänzungsmittel gegen Schwangerschaftsdiabetes?
Hier wäre ich vorsichtig. Im Internet findet man schnell Empfehlungen für:
- Myo-Inositol
- Vitamin D
- Omega-3
- Probiotika
- verschiedene „Blutzucker-Supplements“
Für Myo-Inositol gibt es Hinweise aus Studien, dass es das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes möglicherweise senken könnte. Es ist aber noch nicht abschließend geklärt, welchen tatsächlichen Nutzen das hat.
Für Vitamin D ist bislang ebenfalls nicht ausreichend geklärt, ob eine Einnahme gezielt Schwangerschaftsdiabetes verhindern kann. Omega-3-Fettsäuren zeigten in Studien keine vorbeugende Wirkung. Auch für Probiotika ist der Nutzen zur Vorbeugung nicht ausreichend belegt.
Deshalb würde ich Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft nicht auf eigene Faust als „Schwangerschaftsdiabetes-Prävention“ einnehmen.
Sprich darüber mit deinem Behandlungsteam.
Und was ist mit Metformin zur Vorbeugung?
Auch Medikamente sollte man natürlich nicht vorsorglich auf eigene Faust einnehmen.
Metformin wurde zur Vorbeugung von Schwangerschaftsdiabetes untersucht. Bei stark übergewichtigen Frauen zeigte es in Studien jedoch keinen überzeugenden Schutz vor Schwangerschaftsdiabetes oder Geburtskomplikationen.
Es ist daher keine allgemeine Vorbeugungsstrategie.
Das Wichtigste: Wenn du Schwangerschaftsdiabetes bekommst, hast du nicht versagt
Dieser Abschnitt ist mir fast wichtiger als alle Tipps davor.
Nach einer Diagnose beginnt man schnell zu rechnen:
Vielleicht hätte ich weniger Süßigkeiten essen sollen.
Vielleicht hätte ich vor der Schwangerschaft abnehmen sollen.
Vielleicht hätte ich mich mehr bewegen müssen.
Natürlich ist ein gesunder Lebensstil grundsätzlich sinnvoll.
Aber Schwangerschaftsdiabetes ist keine Prüfung darüber, wie gesund du gelebt hast.
Es spielen Hormone, Insulinwirkung, genetische Faktoren und verschiedene individuelle Risikofaktoren zusammen.
Und manches davon kannst du schlicht nicht beeinflussen.
Kann ich Schwangerschaftsdiabetes beim zweiten Mal vermeiden?
Wenn du schon einmal Schwangerschaftsdiabetes hattest, würde ich persönlich den Fokus deshalb etwas verschieben.
Nicht:
„Was muss ich tun, damit ich ihn auf keinen Fall wieder bekomme?“
Sondern eher:
„Was kann ich für mich tun – und wie sorgen wir dafür, dass wir früh merken, falls er wiederkommt?“
Denn selbst wenn die Diagnose erneut gestellt wird, bedeutet das nicht, dass deine Schwangerschaft automatisch problematisch verlaufen muss.
Schwangerschaftsdiabetes lässt sich gut überwachen und behandeln. Bei den meisten Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes verlaufen Schwangerschaft und Geburt ohne größere Probleme und die meisten Kinder kommen gesund zur Welt.
Was, wenn ich die Diagnose schon bekommen habe?
Dann ist die Frage „Hätte ich das verhindern können?“ eigentlich nicht mehr besonders hilfreich. Viel wichtiger ist jetzt:
Was kann ich ab heute tun?
Je nach deinen Werten können Ernährung und Bewegung bereits ausreichen, um den Blutzucker im Zielbereich zu halten. Manche Frauen benötigen zusätzlich Insulin.
Wenn du gerade erst die Diagnose bekommen hast, könnten dir diese Artikel helfen:
Was ist Schwangerschaftsdiabetes? Einfach erklärt nach der Diagnose
Was darf ich bei Schwangerschaftsdiabetes essen? Mein großer Ernährungs-Guide
Schwangerschaftsdiabetes Werte & Grenzwerte – die wichtigsten Werte in einer Tabelle
Nüchternzucker bei Schwangerschaftsdiabetes zu hoch – warum gerade dieser Wert so schwierig ist
Gerade diagnostiziert und keine Ahnung, was du jetzt essen kannst?
Genau für diesen ersten „Und was kaufe ich jetzt eigentlich?“-Moment habe ich meine große Lebensmittelliste bei Schwangerschaftsdiabetes erstellt.
Sie soll dir eine praktische Orientierung geben, ohne daraus eine starre Liste aus erlaubten und verbotenen Lebensmitteln zu machen.
Häufige Fragen
Kann man Schwangerschaftsdiabetes durch Ernährung verhindern?
Eine ausgewogene beziehungsweise gezielt angepasste Ernährung kann das Risiko bei bestimmten Frauen – insbesondere bei Übergewicht oder Adipositas – senken. Sie kann Schwangerschaftsdiabetes aber nicht sicher verhindern. Bei normalgewichtigen Frauen zeigte eine spezielle Ernährungsumstellung in Studien keinen eindeutigen vorbeugenden Effekt.
Kann man Schwangerschaftsdiabetes durch Sport vermeiden?
Regelmäßige körperliche Aktivität kann das Risiko reduzieren. Eine Garantie gibt es aber auch durch Sport nicht. Welche Bewegung während deiner Schwangerschaft geeignet ist, solltest du bei Unsicherheiten mit deinem Behandlungsteam besprechen.
Bekomme ich Schwangerschaftsdiabetes, weil ich zu viel Zucker gegessen habe?
Nein. Schwangerschaftsdiabetes entsteht nicht einfach durch den Konsum von Süßigkeiten. Während der Schwangerschaft verändert sich unter dem Einfluss der Hormone die Insulinwirkung und damit der Zuckerstoffwechsel.
Kommt Schwangerschaftsdiabetes in der zweiten Schwangerschaft automatisch wieder?
Nein. Das Risiko ist nach einer früheren Diagnose deutlich erhöht, aber eine erneute Erkrankung ist nicht zwangsläufig. Die DDG nennt für Frauen kaukasischer Herkunft ein Wiederholungsrisiko von etwa 35 bis 50 Prozent.
Kann ich Schwangerschaftsdiabetes durch Gewichtsabnahme verhindern?
Bei Übergewicht kann eine Lebensstiländerung schon vor einer geplanten Schwangerschaft das Risiko reduzieren. Während der Schwangerschaft sind strenge Diäten beziehungsweise eine starke Kalorienreduktion aber nicht empfehlenswert.

Kommentar verfassen